Nach der gewonnenen Partie gegen den HEBC am letzten Spieltag (2:0) sprach Coach Marius Ebbers von einem „Arbeitssieg“. Nach dem heutigen Auswärtsdreier beim FC Union Tornesch fragte der Trainer: „Kann man das Wort `Arbeitssieg´ noch in irgendeiner Form potenzieren?“ Was „Ebbe“ damit zum Ausdruck bringen wollte, war, dass sich unsere Wikinger heute das Leben auf dem Platz phasenweise noch schwerer gemacht hatten, als eben die Woche zuvor. Trotzdem erkämpften sich unsere Männer am Ende einen Sieg, wobei der entscheidende Treffer auch noch in personeller Unterzahl erzielt wurde. Doch trotz des Erfolgs gab es für Marius Ebbers nichts zu lachen. „Ich kann mich jetzt, nach dem Spiel, gar nicht freuen.“

Die erste Führung: Yannick Siemsen (mi.) freut sich über seinen Treffer.
Foto: Christian Küch

Unter der Woche warnte Vicky-Coach Marius Ebbers in einem Statement für das Hamburger Abendblatt noch davor, dass es immer gefährlich sei, gegen einen angeschlagenen Boxer anzutreten. Damit wollte er sagen, dass die Auswärts-Aufgabe beim Tabellenletzten vollkommen ernst genommen werden musste, da man sonst Gefahr lief, am Ende einen Knock-Out zu kassieren. Das machte dann aber zumindest während der ersten 45 Minuten noch nicht wirklich den Anschein, weil unsere Wikinger bis zur Pause einfach besser und dominanter auftraten, als die Unioner. „Die erste Halbzeit war größtenteils in Ordnung. Da hatten wir auch die größeren Spielanteile. Es gab zwar auch immer wieder nicht ganz so gute Situationen, die haben wir dann aber in der Pause angesprochen“, resümierte Ebbe nach der Partie.

Nach etwas mehr als einer halben Stunde, bis dahin gab es schon einige gute Offensivaktionen, die jedoch nicht in etwas Zählbares umgemünzt werden konnten, war es endlich soweit: Innenverteidiger Yannick Siemsen verwertete einen von André Monteiro Branco sehr gut in den Strafraum getretenen Eckball, indem er das runde Leder wuchtig mit dem Kopf zum 1:0 für unseren SCV in die Maschen schädelte. Die Erleichterung war groß, denn die Partie muss für die Akteure durch den nassen und tiefen Naturrasen bei immer wiederkehrendem Regen auch körperlich echt anstrengend gewesen sein. Da ist die Belohnung nicht das Verkehrteste. Allerdings wurde der Jubel sofort wieder im Keime erstickt. Denn im direkten Gegenzug fackelten die Tornesch-Kicker nicht lange und zeigten, dass man durchgehend mit ihnen rechnen musste und sie nicht unterschätzen oder mal eben aus den Augen lassen durfte. Es war Morris von Winckelmann, der postwendend für den Ausgleich sorgte (32.). Also aufgewacht Männer! Lasst die Konzentration oben und ackert, damit ihr euch für eure Mühen belohnen könnt. Das war es, was man sich sicher denken konnte, wenn man als Vicky-Anhänger am Spielfeldrand gestanden hatte. Und genau das ist dann auch passiert. Und zwar zum berühmten „psychologisch wichtigen Zeitpunkt“, kurz vor der Pause. Wieder kam eine Ecke sehr gut in den Strafraum, dieses Mal getreten von Timo Stegmann, und wieder war es ein Kopfball, der für die erneute Führung reichte. Kapitän Felix Schumann sprang am höchsten und perfekt getimt, so, dass er die Pille unhaltbar an die Unterkante der Latte und von dort hinein ins Glück köpfte. Den Pausenstand von 2:1 konnte unseren Männern nicht mehr genommen werden. Nun galt es, sich für die zweite Hälfte erneut einzuschwören.

Für Ebbers „schwer nachvollziehbar“, was zunächst in der zweiten Halbzeit passierte

Ein sehr kurzer Einsatz: Ian-Prescott Claus (mi.) wird drei Minuten nach seiner Einwechslung des Felde verwiesen. Foto: Christian Küch

Nur leider klappte das mit dem Einschwören nicht so, wie sich das der Trainer vorgestellt hatte. Und auch Zuschauer bemerkten, dass mit dem Wiederanpfiff die Leistung unserer Wikinger plötzlich sehr stark zurückging. Es wirkte leider tatsächlich so, als wäre die Konzentration nach der Pause in der Kabine geblieben. Trainer Ebbers zeigte sich darüber sehr enttäuscht: „Wir haben in der Halbzeit gewisse Dinge an- und besprochen. Aber sofort mit Anpfiff der zweiten Hälfte war das einfach vorbei. Es wurden viele falsche Entscheidungen getroffen. Was in den ersten 35 Minuten der zweiten Halbzeit passiert ist, ist für mich unerklärlich. Das muss mir mal einer erklären, wie so eine Leistung zustande kommt. Denn für mich ist das schwer nachzuvollziehen.“ Die Fehlpässe unserer Männer häuften sich plötzlich, es gingen viele Zweikämpfe verloren und in der Defensive öffneten sich Möglichkeiten für die Gegner, die teilweise fast schon dazu einluden, zum Torabschluss zu kommen. So geschah es dann auch in der 61. Minute, als unsere Wikinger in der Vorwärtsbewegung das Spielgerät verloren und die Unioner uns mit einem langen Ball aushebelten. Stürmer Björn Dohrn konnte von dannen ziehen und sich schließlich freistehend die Ecke aussuchen. Schon stand es nur noch 2:2 Unentschieden. Nil von Appen („Wir sind nicht mehr wach, Männer! Die Konzentration muss wieder hochgefahren werden!“) und Schumann versuchten immer wieder verbal ihre Teamkollegen zu puschen und zurück ins Spiel zu holen.

Ein Unentschieden sollte an diesem Sonntagnachmittag allerdings nicht reichen. Damit wollten unsere Trainer Marius Ebbers und Martin Spreitz nicht nach Hause fahren. Also musste nochmal geballte Offensivpower von der Bank gebracht werden. Deshalb folge in der 67. Minute ein Doppelwechsel: Für Luca Ernst und Konrad Janta kamen die beiden Stürmer Magnus Hartwig und Ian-Prescott Claus auf das Feld (67.). Nur leider musste Claus kurz danach auch wieder raus. Während eines Zweikampfes mit dem gegnerischen Schlussmann hat Schiedsrichter Florian Pötter (Voran Ohe) eine Tätlichkeit erkannt, so, dass dieser ohne zu zögern die rote Karte zückte (70.).

„Für Stege freue ich mich wirklich“

Trainer Marius Ebbers

Timo Stegmann feierte mit einem Assist und einem Traumtor ein Traum-Comeback. Foto: Christian Küch

Doch ab dann passierte etwas, womit nicht mehr zu rechnen war. „Gefühlt hat uns die rote Karte tatsächlich gut getan, weil wir danach wesentlich besser gespielt haben“, musste auch Coach Ebbers erkennen, genauso wie viele Zuschauer und andere am Spiel beteiligte Personen. Denn nach dem Abpfiff hat man nicht wenige Gespräche vernehmen können, in denen es genau darum ging, dass unsere Wikinger in Unterzahl das Spiel wieder völlig unter Kontrolle bekamen. Ebbers: „Nach der roten Karte ging es dann tatsächlich wieder. Ich weiß nicht, ob die Jungs dann einen Schalter umlegen und sagen, dass wieder mehr gearbeitet werden muss, weil das Team einen Mann weniger hat und ob sie vorher denken, dass wir das Spiel schon irgendwie gerettet bekommen. Aber das haben wir gegen Curslack schon bewiesen, dass wir in Unterzahl gut spielen. Nach dem Platzverweis sind wir dann auf einmal wieder dominant gewesen und haben verdient den Treffer zum 3:2 und somit das Siegtor erzielt.

Und das fiel in der 85. Minuten, mitten in der Schlussphase. Ein besonderes Tor und das aus verschiedenen Gründen: Zum einen natürlich, weil es der entscheidende Treffer zum Sieg war, aber auch weil Timo Stegmann der Schütze gewesen ist. „Stege“ kam nämlich gerade erst aus einer Verletzung zurück. Das erste Spiel wieder in der Startelf. Und dann krönt er sein Comeback auch noch mit dem entscheidenden Treffer. Und was das für ein schönes Tor war! Nach einem Standard erlangte Nil von Appen mitten im Strafraumgewühl die beste Kontrolle über das Spielgerät, sodass er den aus dem Halbfeld heraneilenden Stegmann bedienen konnte, indem er die Kugel wieder aus dem gegnerischen Sechzehner raus auf seinen Teamkameraden spielte. Stege behielt sein Tempo, entwickelte ein Gefühl für den Ball, visierte den linken Winkel an und zog volle Kanne aus etwa 20 Metern ab. Der Schuss wurde zu einem Strahl, dem letztlich alle nur hinterher schauen konnten. Der hatte gesessen! „Ich freue mich für Stege, dass er nach seiner Verletzung wieder so ein Startelf-Debüt feiern konnte, mit dem geilen Ding, was er da rausgelassen hat“, so Trainer Ebbers, der dann aber auch nochmal deutlicher wurde, als es um seine generelle Freude ging, die bei ihm nach diesem Spiel fast komplett ausblieb: „Für Stege freue ich mich wirklich. Das war es dann aber auch. Ansonsten kann ich mich, jetzt nach dem Spiel, gar nicht freuen, weil ich einfach über diese ersten 35 Minuten der zweiten Halbzeit sehr enttäuscht bin. Das ist nicht mein persönlicher Anspruch, was da gezeigt wurde und auch nicht mein Anspruch an die Mannschaft. Klar habe ich den Jungs in der Halbzeit gesagt: Das Wichtigste, was für mich hier heute zählt, ist der Sieg. Aber nicht so. Nicht auf die Art und Weise. Das muss ich ganz ehrlich sagen. Auch ein glücklicher Sieg ist immer in Ordnung. Aber diese 35 Minuten der zweiten Halbzeit machen mich sehr nachdenklich.“

Dennoch: Auch wenn es eine Zeit lang im zweiten Durchgang nicht gut lief, haben unsere Wikinger den nächsten Sieg eingefahren. Und auch wenn es heute über den Kampf gehen musste und nicht über das sehr gute fußballerische Können, was die Jungs eigentlich, ohne jeden Zweifel, besitzen. Aber sie haben es geschafft, in Unterzahl, sich aufzuraffen und die Partie zu ihren Gunsten zu entscheiden, was nun sogar erstmal den zweiten Tabellenplatz bedeutet. Und dafür sind wir ihnen dankbar. Jetzt gilt es, ab nächster Woche die heutigen Defizite aufzuarbeiten, um es im nächsten Spiel besser zu machen. Den Sieg heute haben sie sich aber allemal verdient und dazu gratulieren wir ihnen. We are vikings!



AUTOR: Mathias Reß